Die Angst vor dem Leben

Und warum wir nie perfekt sein werden

Das Titelbild stammt von einem Sonnenaufgang während meines absolut notwendigen Mexiko-Urlaubs im März. Jeden Morgen saß ich alleine am Strand und habe die Kraft der aufgehenden Sonne, die Kraft des puren Lebens aufgesogen. Genau diese Sonne, genau diese Lebenskraft hatte ich in den letzten Monaten vermisst und kaum mehr gespürt.

Nach Jahren der Sinnsuche, nach tausenden Buchseiten und YouTube-Minuten, mehreren Seminaren, zig Coachings, unzähligen tiefgründigen Gesprächen, ein paar Diäten, viel Meditation, großem Erfolg im eigenen Business, so vielen Reisen, neuen Menschen, Autobiographien, Ratschlägen, VERBESSERUNGEN und natürlich auch ner Menge Schmerz.

Nach alldem war ich einfach nur noch leer!

Ich hatte plötzlich keine Fragen mehr. Keine mehr an andere, ans Leben, an etwas Höheres – was auch immer. Alles schien für mich klar. Die Angst vor dem Tod spürte ich auch nicht mehr. Was ja zunächst nichts schlechtes ist. Aber die Angst vor dem Leben, die stieg auf einmal mehr denn je in mir auf. Dabei hatte ich doch alles griffbereit. Geballtes Fachwissen, eine Menge Erfahrung, Proof of Concepts, Liebe, Möglichkeiten, alles. Es war alles da und doch spürte ich fast nur noch Leere in mir.

Warum sollte ich also noch weiter versuchen, meinen Beitrag zu leisten?

Ich konnte faktisch nicht mehr sagen, warum ich aufstehen sollte. Wegen des Erfolgs? Des Geldes? Der Liebe? Alles schien mir eh so zu sein, wie es halt ist. Ich hätte eh keinen Einfluss. Es gibt Gutes und Böses. Yin und Yang. Helligkeit und Dunkelheit. Menschen sind so individuell und doch so gleich. Jeder müsse seinen Weg finden und jeder (Um)Weg macht am Ende Sinn. Egal, wo er hinführt und wie schlimm er war oder ist. Warum sollte ich also noch weiter versuchen, meinen Beitrag zu leisten?

Eine sehr weise Vertraute sagte in so einem Moment mal zu mir: “Dann nimm das Leben doch an und tanze mit ihm!“ Ha. Haha. HAHAHA. HAHAHAHAHA! Mit dem Leben tanzen? Schau mal auf meinen Kontostand! In meine Seele. Oder in meinen Kopf! Da stampfe ich höchstens mit aller Gewalt auf den Fußboden. Mit tanzen hat das aber nichts zu tun.

Wir haben gelernt, die Ansprüche anderer zu erfüllen. Aus Angst, sonst nicht akzeptiert zu werden und in den Augen anderer nicht genug zu sein.

Der eigentliche Grund aber, warum ich ihren Rat nicht annehmen konnte lag darin: Ich gestehe mir nicht zu das Leben zu leben, dass ich leben möchte. Und ich bin mir sicher, dass euch dieser Umstand auch bekannt vorkommt. Ob bewusst oder unbewusst. Deswegen hoffe ich, dass diese Worte ein wenig helfen.

Wir fürchten uns nicht so sehr vor dem Tod, sondern vor dem Risiko, das Leben einzugehen.

Wenn ich das Leben nicht annehme, kann ich mich auch nicht annehmen – und umgekehrt. Wie soll es funktionieren, wenn ich mich gegen das Leben auflehne? Und trotzdem habe ich genau das im großen Stil gemacht. Ich musste also schmerzhaft feststellen, dass meine Angst vor dem Leben meine größte ist. Und vielleicht sogar die größte der meisten Menschen. Wir fürchten uns nicht so sehr vor dem Tod, sondern vor dem Risiko, das Leben einzugehen. Das Risiko, lebendig zu sein und uns auszudrücken, wer und was wir wirklich sind. Einfach nur wir selbst zu sein, macht uns tatsächlich Angst. Wir haben gelernt, vor allem die Ansprüche anderer zu erfüllen. Aus Angst, sonst nicht akzeptiert zu werden und in den Augen anderer nicht genug zu sein.

Wir beginnen Ausbildungen und Studiengänge, um zu gefallen oder in ferner Zukunft eine vermeintliche Sicherheit zu haben. Wir kriechen Kunden in den Allerwertesten, um den Auftrag zu bekommen. Wir belügen unsere Kinder, um von ihnen gemocht zu werden. Wir machen den Job, um ihn nicht zu verlieren. Wir spenden, um das Gewissen zu beruhigen.

Besonders schwer wird es bei Menschen, die wir lieben, zu denen wir aufschauen. Eltern, Partner, Freunde, Lehrer, Pfarrer, Vorbilder.

Wir sind also fleißig beim WIE, vernachlässigen aber immer wieder das WAS und WARUM.

Wie kommt das? Ich denke, wir haben durch Bildung und unsere Gesellschaft eine bestimmte Vorstellung von Perfektion entwickelt, um gut genug zu sein. Wir gestalten ein Image darüber, wie wir sein sollten, um von anderen akzeptiert zu werden. Und dabei vergessen wir sehr oft (bewusst), WARUM und WAS wir überhaupt tun. Es geht nur um das WIE und darum, dass es funktioniert. Zumindest habe ich das oft bei mir beobachtet. Vor allem in der für mich emotional und auch rational schwierigen Phase der letzten sechs Monate.

Besonders schwer wird es bei Menschen, die wir lieben, zu denen wir aufschauen. Eltern, Partner, Freunde, Lehrer, Pfarrer, Vorbilder. Wir bemühen uns gerade ihnen gegenüber so sehr, unserem entwickelten Bild der Perfektion gerecht zu werden. Nur um festzustellen, dass wir es niemals erreichen können. Obwohl wir es ja auch niemals erreichen müssen!

Ich habe am tiefsten Punkt dieser Zeit einfach die Entscheidung getroffen, dass ich etwas ändern werde. EGAL, WAS.

Das alles führt nämlich nur zu einem: Der Selbstablehnung. Es geht also nicht mehr darum, ob wir gut genug für andere sind (das war mir in den sechs Monaten mittlerweile egal), sondern gut genug für uns selbst. Wir werden unserer eigenen Vorstellung von Perfektion nicht gerecht. Wir können uns nicht verzeihen, nicht so zu sein, wir wir sein sollten. Wir können uns nicht verzeihen, dass wir nicht perfekt sind.

Ich habe am tiefsten Punkt dieser Zeit einfach die Entscheidung getroffen, dass ich etwas ändern werde. EGAL, WAS. Ohne Bewertung. Ohne Perfektion. Ohne Reflektion. Einfach nur irgendwas zu machen, darum ging es und geht es jetzt. Wieder aufzustehen und eine Perspektive zu erschaffen. Eine eigene. Daraus sind nun immerhin mal wieder ein paar Dinge entstanden. Kunden fragen wieder bei mir an. Ich erledige wieder Aufgaben. Ich gehe wieder raus, stehe wieder früh auf. Habe wieder Freude. Riskiere wieder etwas, weil der Bauch will. Setze einen Schritt vor den anderen. Schreibe diesen Artikel.

Ich traue mich wieder, zu LEBEN. Ich stelle mich der Angst vor dem Leben. Der Angst, das Selbstbild der Perfektion nicht erreichen zu können. Ich gehe einfach schnurstracks darauf zu. Vielleicht kann ich es ja so überwinden. Und dabei sage ich mir immer wieder:

„So bin ich. Das ist es, was ich glaube. Ich kann bestimmte Dinge tun und andere Dinge kann ich nicht tun. Dies ist die Wirklichkeit, dies ist Fantasie. Dies ist möglich, dies ist unmöglich.“

Daraus entsteht alles. Meine Persönlichkeit. Mein Leben. Die Sonne geht wieder auf am Horizont. Und dieses Mal gehe ich mit.

0 Kommentare zu “Die Angst vor dem Leben

Kommentar verfassen

NEWSLETTER

Mehr Freiheit in der Mailbox.